Am 21. Januar 1525 fand in Zürich die erste Erwachsenentaufe statt – ein Ereignis, das den Beginn der Täuferbewegung markiert. Zu dieser gehört auch die Konferenz der Mennoniten der Schweiz. Zu deren 500-jährigen Jubiläum sprechen Gladys Geiser und Lukas Amstutz, das Co-Präsidium der Konferenz, sowie Jürg Bräker, deren Generalsekretär, über die Geschichte und Gegenwart der Bewegung und die Bedeutung dieses besonderen Jubiläums.
Gladys Geiser
Co-Präsidentin, Konferenz der Mennoniten der Schweiz
Im Jahr 2025 wird das 500-jährige Jubiläum der Täuferbewegung gefeiert. Kannst du uns kurz in Erinnerung rufen, was die Täuferbewegung ist?
Die Täuferbewegung entstand während der Reformationszeit, als in verschiedenen Teilen Europas begonnen wurde, die Praktiken der katholischen Kirche ausgehend von der Bibel zu hinterfragen. Im Lauf der Geschichte des Christentums gab es immer wieder Versuche, zu den Werten und Praktiken der Urkirche zurückzukehren, wie sie in der Apostelgeschichte beschrieben werden. Die Täufer teilten die Grundprinzipien der Reformatoren, unterschieden sich aber relativ schnell in einigen Punkten. Man war sich einig, dass die Bibel der Massstab für den Glauben sein sollte. Aber die Täufer glaubten, dass die Auslegung der Schrift gemeinschaftlich geschehen müsse, da jeder getaufte Gläubige den Heiligen Geist empfängt – nicht nur Theolog:innen. Für sie war die Taufe etwas, das Erwachsene bewusst verstehen mussten, weshalb sie die Erwachsenentaufe einführten. Für die Täufer:innen gehörten Wiedergeburt und ein verändertes Leben, das sich im Alltag zeigt, zusammen. Das Teilen von Gütern und der Pazifismus waren von Anfang an wichtige Grundsätze. Das führte allerdings auch dazu, dass die ersten Täufer:innen stark verfolgt und misshandelt wurden.
Wie entstand die Täuferbewegung und wie hat sie sich bis heute entwickelt?
Die reformatorischen Theologen hatten immer wieder Auseinandersetzungen, und neue Erkenntnisse führten dazu, dass einige von ihnen – darunter Grebel und Blaurock – sich am 21. Januar 1525 gegenseitig tauften. Dieses Ereignis feiern wir bald in Zürich. Die Täuferbewegung entwickelte Praktiken und Überzeugungen, die von Katholiken und Reformierten oft als radikal angesehen wurden. Das legte den Grundstein für deren Glauben. Natürlich gab es auch schwierige Momente in der Geschichte der Bewegung, mit Entwicklungen, die man als ketzerisch oder unrühmlich einstufen könnte. Theologen wie Menno Simons, ein ehemaliger Priester, betonten daher, wie wichtig es ist, spirituelle Einsichten im Licht Christi zu prüfen – auf Simons geht übrigens der Name „Mennoniten“ zurück.
Wie steht es heute um die Täuferbewegung weltweit?
Die Bewegung hat sich im Lauf der Jahrhunderte stark weiterentwickelt und wurde von anderen Strömungen, wie dem Pietismus, aber auch neueren Spiritualitäten beeinflusst. Heute gibt es eine grosse Vielfalt an Traditionen, Praktiken und theologischen Ausrichtungen. Wie viele christliche Gemeinschaften verzeichnen auch die mennonitischen Kirchen grosses Wachstum in den Ländern der südlichen Hemisphäre, während die Mitgliederzahlen in den westlichen Ländern leider zurückgehen.
Täufer… Was hat das mit uns zu tun? Wir bezeichnen uns doch als Mennoniten?
Das Täufertum ist die Ursprungsbewegung, aus der mehrere Strömungen hervorgegangen sind, wie etwa die Hutterer, die stark auf Gemeinschaftsleben und Pazifismus setzen, oder die Amischen, die vor allem in den USA grosse Gemeinden haben. Der Name „Mennoniten“ war ursprünglich in Holland eine Bezeichnung für die Anhänger von Menno Simons.
Und in der Schweiz?
In der Schweiz gibt es zurzeit 13 Gemeinden: zwei in der Region Basel, zwei im Emmental, zwei im Jura, vier im Berner Jura, eine in Brügg, eine in La Chaux-de-Fonds und eine in Bern. Manche Gemeinden sind klein, andere zählen über 100 Mitglieder. Die Gemeinden sind unabhängig voneinander, mit teils unterschiedlichen theologischen Ausrichtungen und Strukturen. Zweimal im Jahr treffen sich Delegierte, um administrative Fragen zu klären und Erfahrungen auszutauschen. Spezielle Themen behandeln wir an Studientagen, die für die Verantwortlichen der Gemeinden offen sind.
Wie wird das Jubiläum 2025 gefeiert?
Am 29. Mai findet in Zürich ein grosser Begegnungstag statt, organisiert von der mennonitischen Weltkonferenz. Das wird ein öffentliches Fest sein. Es gibt Filme, Workshops, eine Podiumsdiskussion, verschiedene internationale Musikgruppen und einen Rundgang durch die Stadt Zürich. So können wir die Geschichte noch einmal aufleben lassen – und gleichzeitig über die aktuellen Herausforderungen nachdenken, denen wir als Christ:innen und Nachfolger:innen von Jesus begegnen. Der Tag endet mit einer Feier im Grossmünster. Das wird eine tolle Gelegenheit sein, Mennonit:innen aus der ganzen Welt zu treffen.
Worauf freust du dich bei diesem Jubiläum am meisten?
Ich freue mich besonders darauf, Menschen aus verschiedenen Ländern zu treffen und ihre Geschichten zu hören. Für mich ist dieses Jubiläum eine Gelegenheit, innezuhalten, mit Dankbarkeit auf die überlieferten Werte zu schauen und uns gegenseitig zu ermutigen, die gute Nachricht von Jesu Liebe mit neuer Energie in die Welt zu tragen.
Was würdest du in Bezug auf die Täuferbewegung heute hervorheben?
Wie am Anfang geht es in der Täuferbewegung auch heute darum, die Bibel im Licht Christi zu verstehen und den Glauben im Alltag zu leben. Themen wie Frieden, Versöhnung und Gerechtigkeit sind in unserer vielfältigen Bewegung ein wichtiges Zeugnis – aber auch eine grosse Herausforderung. Wie viele Kirchen stehen wir vor gesellschaftlichen Veränderungen, neuen Kommunikationsmitteln und dem zunehmenden Individualismus. Wenn wir weiterhin Jünger:innen Christi und Träger der Hoffnung sein wollen, brauchen wir Anpassungsfähigkeit, Kreativität und das Vertrauen auf den Geist Gottes.
Lukas Amstutz
Co-Präsident, Konferenz der Mennoniten der Schweiz
Als täuferischer Theologe am Bildungszentrum Bienenberg und Co-Präsident der KMS bist du stark in die mennonitische Bewegung eingebunden. Was motiviert dich zu diesem Engagement?
Ich habe meinen Glauben in dieser Gemeinschaft gefunden. Es waren Menschen in der mennonitischen Bewegung, die mir geholfen haben, den Glauben zu verstehen – und, was noch wichtiger ist, ihn zu erleben. Sie haben mir gezeigt, was der Glaube im Alltag bedeutet und wie er das Leben prägen kann. Diese Gemeinschaft hat meinen eigenen Glauben entscheidend geprägt. Hier habe ich gelernt, zu glauben. Mein Engagement heute ist ein Ausdruck von Dankbarkeit und der Wunsch, dass auch andere Menschen in dieser Gemeinschaft ihren Glauben entdecken können.
Es wird oft über die Geschichte der Täufer gesprochen. Wie siehst du diese Geschichte, wenn du an die Mennoniten von heute denkst?
Wer einen Blick zurück in die Geschichte wirft, kann immer Stärken und Schwächen entdecken – das gilt auch für die Geschichte der Mennoniten. Deshalb sollten wir unsere Vergangenheit nicht vergessen, aber genauso wenig idealisieren. Wenn ich auf unsere Geschichte schaue, sehe ich viele wertvolle Beiträge: das gemeinsame Lesen der Bibel, die Betonung darauf, Jesus im Alltag nachzufolgen, das Engagement für Gerechtigkeit oder das Zeugnis für den Frieden. Aber es gibt auch andere Aspekte, wie fundamentalistische Tendenzen, einen fragwürdigen Rückzug aus der Gesellschaft oder manchmal eine überhebliche Haltung, alles besser wissen zu wollen. Gerade wenn wir ehrlich auf unsere Geschichte schauen, können wir daraus die besten Lehren ziehen – ganz im Sinne des Mottos für das Jahr 2025: ‚Prüft alles und behaltet das Gute!‘ (1 Thess 5,21).
Wie siehst du die Zukunft der Täuferbewegung in der Schweiz?
Ich denke, dass die Säkularisierung weiter voranschreiten wird. Immer weniger Menschen werden Berührungspunkte mit dem christlichen Glauben haben. Das bedeutet für uns als Kirchen, dass wir neue Wege finden müssen, unseren Glauben mit der Gesellschaft zu teilen. Die Privilegien, die das Christentum lange hatte, werden weiter schwinden, und wir werden mehr und mehr aus einer Minderheitenposition heraus leben. Genau diese Position kennen wir Mennoniten aus unserer Geschichte – und ich denke, wir können unsere Erfahrungen an andere Kirchen weitergeben, aber auch von ihnen lernen. Die Unterschiede zwischen den Kirchen werden für die Gesellschaft immer unwichtiger. Was zählt, ist ein gemeinsames, glaubwürdiges Zeugnis.
Auf welches Ereignis im Jubiläumsjahr freust du dich besonders?
Zuerst freue ich mich auf unsere KMS-Feier am 21. Januar in Zürich. Genau an diesem Tag vor 500 Jahren fand dort die erste täuferische Glaubenstaufe statt – ein mutiger Schritt! Ich hoffe, dass er uns inspiriert, mit Ehrlichkeit, Mut und Hoffnung in die Zukunft zu gehen. Und natürlich freue ich mich auf die internationale Gedenkfeier am 29. Mai, ebenfalls in Zürich. Es wird wunderbar zu sehen, wie bunt und vielfältig die täuferische Bewegung in den letzten 500 Jahren geworden ist.
Jürg Bräker
Generalsekretär, Konferenz der Mennoniten der Schweiz
Im Jahr 2025 wird das 500-jährige Jubiläum der Täuferbewegung gefeiert. Inwiefern ist dieses Jubiläum für dich wichtig?
Für mich steht die Gegenwart unserer Kirchen und unserer täuferischen Gemeinschaft im Mittelpunkt: Wer sind wir heute, nach 500 Jahren Bewegung, und was hat uns auf diesem Weg geprägt? Es geht nicht nur ums Feiern – wir müssen uns auch mit den problematischen Aspekten unserer Geschichte auseinandersetzen. Gleichzeitig bietet das Jubiläum eine grosse Chance, öffentlich darüber zu sprechen, wie wichtig ein gelebter Glaube an Christus ist und was dieser für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft bedeutet. Die täuferische Vision berücksichtigte von Anfang an, dass diejenigen, die sich für die Nachfolge Jesu entscheiden, vielleicht immer eine Minderheit in der Gesellschaft sein werden. Trotzdem haben sich die Täufer:innen auf Basis ihres Glaubens oft für ein friedliches Leben aller Menschen eingesetzt. Ich glaube, dass darin wertvolle Ressourcen für unsere heutige Gesellschaft stecken, die ja von einer grossen Vielfalt an religiösen und nicht-religiösen Überzeugungen geprägt ist.
Du bist Generalsekretär der Konferenz der Mennoniten der Schweiz (KMS), aber auch auf globaler Ebene in der Mennonitischen Weltkonferenz (MWK) engagiert. In welchen Punkten sind sich die Täufer:innen weltweit einig?
Ich finde, der Slogan der MWK bringt das sehr gut auf den Punkt: «Jesus nachfolgen, Einheit leben, Frieden schaffen». Einheit heisst dabei nicht, dass man in allen Punkten übereinstimmen muss. Es geht vielmehr um eine Einheit, die uns von Christus geschenkt wird und die sichtbar wird, wenn wir gemeinsam versuchen, ihm nachzufolgen. Er ruft uns dazu auf, uns für Frieden einzusetzen – einen Frieden, den er uns gibt und den er selbst verkörpert. Die drei Teile dieses Slogans bilden eine untrennbare Einheit, die die weltweite Gemeinschaft der Täuferkirchen prägt. Diese Wechselwirkung zwischen Nachfolge, Einheit und Frieden ist zentral.
Was sind deiner Meinung nach die dynamischen, lebenstragenden Bereiche in der Täuferbewegung heute?
Ich denke, ein starker Punkt ist das Bewusstsein, dass wir einander brauchen. Natürlich sind die Kirchen im globalen Süden, wie in Äthiopien oder Indonesien, viel dynamischer als wir im Norden. Ich bin tief beeindruckt von den Mennonitengmeeinden in Indonesien. Sie sind sehr aktiv in der Mission, ihre Gemeinden wachsen stark, und gleichzeitig zeigen sie grossen Respekt für andere Religionen. Sie engagieren sich für den interreligiösen Dialog und die Freundschaft zwischen verschiedenen Religionen, um Wege zu finden, Gewalt zwischen ethnischen Gruppen zu überwinden. Gerade dieser Respekt und dieses Engagement machen ihr Zeugnis so glaubwürdig. Mission und interreligiöser Dialog passen hier wunderbar zusammen. Ganz ähnliche Dynamiken habe ich in Burkina Faso erlebt. Und wenn ich an die Meserete Kristos Church in Äthiopien denke – eine der am schnellsten wachsenden Mennonitengemeinden –, dann beeindruckt mich besonders, dass sie während der Bürgerkriege klar gesagt hat, dass ihre Mitglieder keine Waffen tragen und sich nicht an gewalttätigen Konflikten zwischen den Gruppen beteiligen werden.
Für diese dynamischen Kirchen im globalen Süden sind die Ursprünge der täuferischen Bewegung, die in den Ländern des Nordens entstanden ist, sehr bedeutungsvoll. Gemeinsam versuchen wir, herauszufinden, was es heute heisst, Christus nachzufolgen. Dabei empfangen wir gegenseitig die Reichtümer unserer täuferischen Traditionen. Jede Seite bringt ihre Gaben und Stärken ein – und wir brauchen einander.
Wenn du dich als Mennonit vorstellst, was betonst du? Was ist für dich das Kernanliegen unserer Bewegung?
Für mich ist es die Freiheit, auf diesen ganz persönlichen Ruf zu antworten, der mich dazu gebracht hat, Christus zu vertrauen. Wenn ich diesen Ruf des Heiligen Geistes in den Mittelpunkt stelle, dann wird der Glaube etwas sehr Individuelles. Gleichzeitig ist es aber so: Mit der Taufe in Christus werde ich Teil der Gemeinschaft seines Leibes. Ich versuche, auf diesen Ruf zu antworten – zusammen mit anderen, die diesen Ruf vielleicht ganz anders verstehen als ich. Ich bin bereit, dass man mir Fragen stellt oder mich kritisiert. Aber ich ordne mich nicht einfach der Gemeinschaft unter, sondern Christus – den ich in dieser Gemeinschaft suche und von dem ich glaube, dass er da ist. Diese manchmal etwas paradoxe Spannung zwischen persönlicher Freiheit und dem Leben in der Gemeinschaft schafft eine Vielfalt, ohne die Einheit zu verlieren. Und das finde ich wirklich stark an unserer Bewegung.
Auf welches Ereignis zur Feier des 500-jährigen Jubiläums im Jahr 2025 freust du dich besonders?
Im Moment bin ich noch mitten in den Vorbereitungen. Aber ich freue mich schon jetzt auf den Begegnungstag in Zürich am 29. Mai. Ich freue mich darauf, dass der Reichtum unserer weltweiten Gemeinschaft in Zürich sichtbar wird und wir gemeinsam feiern können, was vor 500 Jahren aus so bescheidenen Anfängen entstanden ist. Besonders schön finde ich, dass wir das zusammen mit anderen Glaubenstraditionen feiern, weil wir in der Vergangenheit Momente der Vergebung und der Erneuerung von Beziehungen erlebt haben.
Interview:
Florian Desy, Église évangélique mennonite de Tavannes
DIESER ARTIKEL WURDE ZUERST auf der Website und im Gemeindebrief der Église évangélique mennonite de Tavannes VERÖFFENTLICHT. Für menno.ch wurde er mit einem neuen Titel und einem neuen Lead versehen und gekürzt.