Für die Abschlussarbeit ihres Theologiestudiums am IGW wurde Rahel Brechbühl aus der Alttäufergemeinde Emmental von der Stiftung Bildung und Forschung der Innovationspreis verliehen. Für die Arbeit hat Rahel die Rolle des Heiligen Geistes beim Kreuzgeschehen in Golgatha untersucht. Im Interview spricht sie über ihre wichtigsten Erkenntnisse und wie sie diese verändert haben.
Du hast in den letzten vier Jahren am Institut für gemeindeorientierte Weiterbildung (IGW) Theologie studiert und im Herbst mit einem Bachelor abgeschlossen. Wieso hast du dich für ein solches Studium entschieden?
Rahel Brechbühl: Ursprünglich habe ich eine Lehre zur Kauffrau gemacht und auch auf dem Beruf gearbeitet. Irgendwann habe ich dann festgestellt, dass ich das nicht mein Leben lang machen möchte. Mir wurde bewusst, dass meine ehrenamtlichen Engagements in der Kirche das sind, was ich am liebsten mache. Darum habe ich entschieden, diese Engagements zum Beruf zu machen und mich mit einem Theologie-Studium dafür auszubilden.
Im Rahmen deiner Abschlussarbeit am IGW hast du untersucht, zu welchen Akzentverschiebungen es in der Kreuzestheologie kommt, wenn man den Heiligen Geist einbezieht. Was hat dich dazu bewogen?
Während des Studiums hatte ich viel über das Kreuz nachgedacht. Aber nie über die Rolle, die der Heilige Geist bei der Kreuzigung gespielt hat. Im Sommer 2021 habe ich dann eine Buch von Heinrich Christian Rust zur Kenosis des Geistes gelesen. Da ist mein Interesse für die Frage erwacht.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse deiner Forschung?
Dass Gott ein Gott der Hingabe und Selbsthingabe ist. Er sucht die Begegnung mit uns, gibt sich uns und einer Beziehung zu uns hin. Das gilt nicht nur für Vater oder Sohn, sondern für die gesamte Dreieinigkeit. Diese Selbsthingabe zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel. Und auch am Kreuz geht es vielmehr darum als um bezahlte Schuld. Zusammenhänge wie diesen zu entdecken, welche die ganze Erzählung über Vater, Sohn und Heiligen Geist von der Schöpfung bis zur Offenbarung zusammenbinden, fand ich faszinierend.
Zu den Akzentverschiebungen, die du entdeckt hast, gehören, dass Menschlichkeit sowie das Ertragen von Leid im Kreuzgeschehen Platz erhalten. Kannst du das etwas ausführen?
Eine meiner Entdeckungen ist, dass der Heilige Geist Menschlichkeit in uns hervorbringt. Unter Menschlichkeit verstehe ich Mensch sein, wie es von Gott ursprünglich gedacht war und wie es Jesus vorgelebt hat: Ohne Sünde im Vertrauen auf Gott leben. Das gelang Jesus in der Kraft des Heiligen Geistes – auch am Kreuz. Dort verliess ihn der Geist nicht, sondern litt mit ihm. Das war neu für mich. Vom Heiligen Geist ist nach meiner Erfahrung sonst eher mit Positivem konnotiert, zum Beispiel mit Heiligung. Ich konnte zeigen: Auch wenn er nicht heilt, ist der Heilige Geist da. Diese Erkenntnis tröstet mich. Sie zeigt, dass Gott auch dann bei uns ist, wenn es scheint, als hätte er uns vergessen.
Was hat dich bei deiner Forschung überrascht?
Mich hat immer wieder neu berührt, wie gut Gott ist. Auch die Grösse Gottes, seine Unfassbarkeit ist mir neu bewusst geworden. Und überrascht hat mich auch zu erfahren, was es über Gott und den Glauben an ihn noch alles Neues zu lernen gibt.
Hast du das so nicht erwartet?
Nicht ganz. Auch in der täuferisch-mennonitischen Theologie ist zum Beispiel das Kreuz zentral. Wir sagen zwar einerseits, dass es ein Geheimnis ist, finden andererseits aber, dass wir genau wissen, worum es da geht. Dank meiner Forschung habe ich neue Aspekte zu diesem Thema entdeckt und zum Beispiel auch zur Rolle von Pfingsten. Das war schön.
Was hast du im Zusammenhang mit Pfingsten neu entdeckt?
Bisher war für mich Pfingsten in erster Linie ein Fest der Einigkeit und der Einheit. Meine Forschung hat mir gezeigt, dass Pfingsten auch stark mit Erlösung zu tun hat: Der Heilige Geist wird ausgegossen und gibt sich selbst hin. Er teilt sich selbst mit uns. So haben auch wir Anteil an der Erlösung, die zum Werk von Jesus gehört.
Wo decken sich aus deiner Sicht deine Erkenntnisse mit typisch täuferisch-theologischen Akzenten? Wie kann deine Arbeit die täuferische Theologie befruchten?
Durch meine Forschung habe ich nicht nur entdeckt, dass der Heilige Geist Menschlichkeit und Selbsthingabe in uns hervorbringt, sondern dass er auch eine kompromisslose Hingabe möglich macht. Das sind für mich alles Werte, die für Täufer:innen zentral sind. Für mich ist auch klar: Die täuferische Erweckung muss vom Heiligen Geist geführt und motiviert gewesen sein. Heute reden wir wenig über den Heiligen Geist und distanzieren uns zum Teil bewusst vom charismatischen Christentum. Ich glaube aber, es würde uns guttun, Berührungsängste gegenüber dem Heiligen Geist abzubauen. Meine Erkenntnisse können hier helfen, weil sie zeigen, dass der Heilige Geist sehr wohl mit dem zu tun hat, was uns als Täufer:innen wichtig ist und wir glauben. Ich finde auch, dass wir einen Auftrag haben uns mit unseren Erfahrungen in die Diskussion über den Heiligen Geist einzubringen. Wir können zeigen, dass der Heilige Geist nicht nur dort anwesend ist und wirkt, wo es charismatisch zu und her geht, sondern dass er auf ganz vielfältige und vielleicht auch scheinbar unspektakuläre Weise wirkt.
Was würde der Wegfall von Berührungsängsten bringen?
Freiheit und Vertrauen. Angst engt uns ein und lässt uns verkrampfen. Gott lädt uns aber ein, in Freiheit unser Leben aktiv zu gestalten. Für Angst ist da kein Platz. Das gilt insbesondere für unsere Beziehung mit Gott. Berührungsängste kommen oft daher, dass uns etwas unbekannt ist. Je mehr wir über den Heiligen Geist lernen und ihn erfahren, desto mehr wird er uns – im wahrsten Sinne des Wortes – vertraut. Das ist das Ziel: Im völligen Vertrauen auf Gott zu leben, statt uns von Ängsten bestimmen zu lassen.
Wie hat sich deine eigene Theologie wegen deiner Forschung verändert? Welche Aspekte aus deiner Arbeit sind dir selbst wichtig geworden?
Vieles ist beim Schreiben in Fleisch und Blut übergegangen. Die Akzentverschiebungen, die ich untersucht habe, sind auch in meinem Denken und Glauben geschehen. Ich verstehe Erlösung neu als Beziehungsgeschehen. Gott gibt sich hin, um uns zu erlösen. Für mich ist es nicht mehr eine rein juristische Angelegenheit. Wenn ich heute von Gott rede, ist es zudem so, dass ich bewusst Aussagen über den Heiligen Geist mache.

Rahel Brechbühl ist bei der Alttäufergemeinde Emmental als Hauptverantwortliche für die Jugend angestellt und leitet die Arbeit für Teenager:innen. Zudem ist sie als Kassierin für die Mennonitische Jugendkommission der Schweiz tätig und nimmt regelmässig an den Treffen des Täuferischen Forums für Frieden und Gerechtigkeit teil.
Du hast vom IGW für deine Arbeit einen Innovationspreis verliehen bekommen. Was bedeutet dir die Auszeichnung?
Dass ich den Preis erhalten habe, freut mich. Er ist zum einen eine Anerkennung für den Aufwand und die Mühe, die es gekostet hat, die Arbeit zu schreiben. Eine Arbeit zu schreiben ist zwar etwas Tolles, aber auch anstrengend. Dann gibt der Preis meiner Arbeit eine grössere Reichweite. Meine Hoffnung ist, dass das Thema so auf den Radar von mehr Menschen kommt, sie bereichert und zu neuen Gedanken anregt. Mir ist bewusst, dass einige meiner Erkenntnisse vielleicht etwas abstrakt daherkommen. Trotzdem finde ich, dass das Thema auch im täglichen Leben relevant ist.
Wo ist die praktische Relevanz für dich?
Für mich persönlich habe ich aus meiner Arbeit eine neue Antwort auf die Frage gewonnen, warum ich zur christlichen Gemeinschaft gehöre: Ich will antworten auf die Selbsthingabe Gottes. Ich investiere mich, weil sich Gott für mich hingegeben hat. Dann will ich darauf vertrauen, dass ich vom Heiligen Geist geführt werde, genau wie Jesus von ihm geführt worden ist. Und natürlich hat die Arbeit verändert, was ich im Unterweisungsunterricht über Gott und die Erlösung weitergebe.
Interview:
Simon Rindlisbacher
Titelbild:
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