Bald jährt sich die Invasion Russlands in der Ukraine zum ersten Mal. In der Folge des Angriffkrieges sind Pazifismus und Gewaltlosigkeit in Europa unter Rechtfertigungsdruck geraten. Viele Mennonit:innen halten dennoch daran fest. César García ist Generalsekretär der Mennonitischen Weltkonferenz und stammt aus Kolumbien. Im Interview erklärt er, wieso er das richtig findet und berichtet, wie sich die Mennonit:innen in Kolumbien mitten in kriegerischen Auseinandersetzungen für Frieden einsetzen.
Seit fast einem Jahr herrscht in Europa ein Krieg. Tag für Tag sind hier die Menschen mit Meldungen aus der Ukraine konfrontiert. Wie stark ist dieses Thema in den Ländern, die du in dieser Zeit als Generalsekretär der MWK besucht hast?
Der Krieg ist vielerorts ein Thema, das Sorge bereitet. Schliesslich hat er auch globale Auswirkungen. Man macht sich Gedanken über die Bedrohung eines Atomkriegs und ist von der Inflation betroffen, die der Krieg verursacht hat. In Ländern in Afrika oder Südamerika ist diese neben der Pandemie zu einer zusätzlichen Belastung geworden. Dann habe ich auch mit Leuten gesprochen, die gesagt haben: Der Krieg ist natürlich schrecklich, aber er ist nicht der einzige auf der Welt. Andere, ähnlich schreckliche Auseinandersetzungen erhalten in Europa im Moment nicht oder nicht mehr die gleiche Aufmerksamkeit. Ich denke da zum Beispiel an die Situation in Myanmar, im Kongo oder in Eritrea. Aber auch an Kolumbien oder Südamerika generell. Diese Länder sind teilweise seit Jahren in Konflikte verwickelt. Die Menschen und die Kirchen dort leiden. Ich denke, es ist wichtig, dass wir sie nicht wegen dem Krieg in der Ukraine vergessen.
Seit der Krieg begonnen hat, muss sich plötzlich rechtfertigen, wer für Pazifismus und Gewaltlosigkeit einsteht. Für die Mennoniten als historische Friedenskirche ist dies eine herausfordernde Situation. Ist es angesichts eines Krieges, wie jenem in der Ukraine angebracht, an diesen Idealen festzuhalten?
Diese Frage stellt sich in jedem gewaltsamen Konflikt und es ist einfacher darüber nachzudenken, wenn man nicht direkt betroffen ist. Ich glaube, beim Pazifismus ist es wichtig, dass wir ganz bei uns bleiben. Eine pazifistische Haltung können wir nicht von anderen einfordern, sondern nur von uns selbst. Wir können uns immer wieder fragen: Was tue ich, wenn ich gewalttätig angegriffen werde? Natürlich fällt die Antwort schwer, wenn ich noch nie in dieser Situation gewesen bin, und vielleicht würde ich auch mit Gewalt reagieren. Das ist nur allzu menschlich. Trotzdem kann ich an der Idee festhalten, dass für mich grundsätzlich der gewaltlose Weg der richtige ist.
Und das sollten wir tun?
Als Christ:innen ist Pazifismus und eine pazifistische Haltung unsere Berufung. Aus meiner Sicht ist so etwas wie ein christlicher Kriegsbefürworter ein Widerspruch in sich. Aber auch wenn wir zum Pazifismus berufen sind, können wir letztlich eine pazifistische Antwort nicht aus eigener Kraft geben. Wenn wir Frieden schaffen wollen, so wie Jesus es tat, sind wir auf die Unterstützung einer kirchlichen Gemeinschaft und die Kraft des Heiligen Geistes angewiesen. Wenn Frieden entsteht, ist das immer ein Wunder. Wir können Gott erlauben, durch uns zu wirken und uns zu helfen wie Jesus gewaltlos zu reagieren.
Wie sollten wir als Mennoniten und Friedenskirchen in Europa aus deiner Sicht auf den Krieg in der Ukraine reagieren?
Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Jeder Konflikt ist anders und findet jedes Mal in einem anderen Kontext statt. Etwas das Kirchen aber immer tun können, wenn sie mit Gewalt konfrontiert sind, ist, in einem gemeinschaftlichen Prozess kreative Wege entwickeln, dieser Gewalt zu begegnen. Pazifismus heisst nämlich nicht, dass man nur zuschaut. Pazifist:in sein, bedeutet, sich zu wehren und etwas gegen Gewalt zu tun. Einfach mit unblutigen Mitteln und Werkzeugen. Dass diese Form von gewaltlosem Widerstand funktioniert, dafür gibt es in der Geschichte viele Beispiele.
An welche denkst du?
Denken wir an Martin Luther King Jr. oder an den Pfarrer André Trocmé, der mit seiner Gemeinde Juden versteckt hat vor der Verfolgung der Nazis. Diese Menschen haben gewaltlose, kreative und effektive Wege gefunden, sich der Gewalt zu widersetzen. Manchmal frage ich mich: Was wäre passiert, wenn sich die Menschen in der Ukraine dazu entschieden hätten, sich nicht mit Waffengewalt zu wehren? Wenn sie gesagt hätten: «Hier, nehmt unser Land ein ohne Blutvergiessen» und sich dann aber mit zivilem Ungehorsam gegen die Besatzungsmacht gestellt hätten. Wären das schlimmer gewesen als das, was die Menschen in der Ukraine jetzt durchmachen? All die Toten, die Zerstörung? Ich weiss es nicht. Waffengewalt und Krieg ist immer eine einfache Antwort. Gewaltlosigkeit ist viel komplizierter und verlangt viel Kreativität. Aber sie ist möglich.
Du kommst aus Kolumbien, ein Land, in dem bewaffnete Konflikte traurigerweise Alltag sind. Wie gehen die Kirchen und insbesondere die Mennoniten als Friedenskirche mit dieser Realität um? Was können wir in Europa von den Mennonit:innen in Kolumbien lernen?
Zuerst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass Friedensarbeit die Arbeit von Generationen ist. Du kannst dich zwar als einzelne Person engagieren, erlebst die Früchte deines Einsatzes aber vielleicht nicht mehr. Kolumbien hat in den letzten 250 Jahren viel Gewalt erlebt. Die mennonitischen Kirchen haben vor 70 Jahren mit der Friedensarbeit begonnen und sie ist bis heute nicht abgeschlossen. Unsere Haltung ist: Wir sind nicht Pazifist:innen wegen dem, was unser Einsatz bewirkt, sondern weil es als Christ:innen unsere Berufung ist; wegen dem, was Gott in uns und durch uns tut und weil wir angetrieben werden von der christlichen Hoffnung, dass eine Welt des Friedens möglich ist.
Wie sieht eure Friedensarbeit konkret aus?
Sie ist sehr vielseitig. Grundsätzlich ist das Ziel, in Kolumbien eine Kultur des Friedens zu fördern und einen pazifistischen Lebensstil zu verankern. Dafür arbeiten einige mennonitische Kirchen zum Beispiel mit Schulen zusammen und zeigen ihnen auf, wie sie den Kindern beibringen können, Konflikte auf eine friedliche und gesunde Art zu lösen. Andere Kirchen bilden Führungspersonen in Unternehmen aus. Sie zeigen ihnen, wie sie mit Konflikten am Arbeitsplatz umgehen können. In Kolumbien ist auch die Gewalt innerhalb von Familien ein grosses Problem. Deshalb arbeiten wieder andere mennonitische Kirchen mit Familien und üben mit ihnen wie man Konflikte ohne Gewalt beilegen kann. Auf diese Weise tragen wir Ideen, wie man Frieden stiften kann, in das alltägliche Leben der Menschen.
Engagiert ihr euch auf politischer Ebene?
Ja. Zum Beispiel setzen wir uns dafür ein, dass man keinen Militärdienst leisten muss, wenn man dies aus Gewissensgründen nicht will. Wir haben der Regierung Vorschläge gemacht, wie ein ziviler Ersatzdienst aussehen könnte. Das hat die Armee nicht sehr gefreut. Aber die Kirche hat trotz Gegenwind den Druck aufrechterhalten. Wir haben auch schon an Demonstrationen mitgemacht, gegen den Einsatz von Gewalt, Vorschläge und Gesetzte, die dem Frieden im Weg stehen. Und es gibt auch Kirchen, die sich geweigert haben Steuern zu zahlen, mit denen gewalttätige Massnahmen der Regierung finanziert werden sollten.
Richtet ihr euch auch direkt an die verschiedenen bewaffneten Konfliktparteien wie die illegalen Armeen oder die Drogenbanden?
Das haben wir auch schon getan, auch wenn es sehr riskant ist. Verschiedene Male haben Leiter von Mennonitengemeinden versucht mit den Konfliktparteien über ihre Differenzen zu reden. Das Ziel war jeweils, ihnen Wege aufzuzeigen, wie sie ihre Konflikte auf friedliche Weise beilegen können. Dabei sind auch schon Friedensaktivist:innen ums Leben gekommen. Denn sobald man mit einer Konfliktpartei redet, wird man von der anderen möglicherweise als Feind angesehen. Aber wir haben auch sehr gute Erfahrungen gemacht und die Konfliktparteien zu einer friedlicheren Art zu leben begleitet. Wichtig ist übrigens auch, dass wir uns nicht nur darauf konzentrieren, Gewalt zu verhindern, sondern uns auch um die Opfer von Gewalt kümmern.

César García ist Generalsekretär der Mennonitischen Weltkonferenz (MWK). Er kommt aus Bogotá, Kolumbien und war als Gemeindegründer, Pastor und Dozent für Bibel und Theologie tätig. Vor seiner Wahl zum Generalsekretär war César Vorsitzender der Iglesias Hermanos Menonitas de Colombia (Mennoniten-Brüdergemeinden in Kolumbien) und Sekretär der Missionskommission der MWK.
Was tut ihr für die Opfer?
Für die Opfer von Gewalt bieten wir Beratung und Programme für die Heilung von Traumata an. Zum Beispiel, wenn sie nahestehende Menschen verloren haben oder ihren Besitz. Wir unterstützen Menschen, die vor der Gewalt auf der Flucht sind. Da reden wir von mehreren Tausend. Wir helfen ihnen, das Land zu verlassen, wenn das die beste Lösung ist. Und wenn sie bleiben können, unterstützen wir sie mit Geld, einer Unterkunft, mit Arbeit und vielem mehr. Auch diese Arbeit trägt langfristig zu einer Kultur des Friedens bei.
Was denkst du, was lässt sich von diesen ganzen Beispielen am ehesten in Europa umsetzen?
Aus meiner Sicht soll Pazifismus und Gewaltfreiheit ein Lebensstil sein. Konflikte gibt es auch im Alltag, in der Familie, im Studium im Beruf. Die Frage ist, wie wir mit damit umgehen. Auch hier ist ein pazifistischer Umgang gefragt, auch im täglichen Leben braucht es die Fähigkeit, gesund und friedlich mit Konflikten umzugehen. Meines Erachtens gehört es zu den Aufgaben der Kirchen, dies einzuüben und so Pazifismus als Lebensstil zu trainieren. Wenn dir das gelingt, weisst du auch eher, wie du kreativ und gewaltlos auf einen Krieg reagieren kannst. Wenn man immer erst beim Ausbruch Kriegen an Möglichkeiten zur friedlichen Konfliktlösung herumdenkt, ist es viel schwieriger solche zu sehen.
Interview:
Simon Rindlisbacher
Bild:
Camilo Rueda López