Raphaël Burkhalter arbeitet seit Februar als Jugendpastor bei der Mennonitischen Jugendkommission der Schweiz. Er ist angehender Theologe, mag guten Kaffee und will die jungen Mennonit:innen in der Schweiz für die Arbeit in ihren Gemeinden stärken.
«Deswegen haben wir uns hier getroffen», sagt Raphaël Burkhalter grinsend und nimmt einen Schluck von seinem Flat White. Er ist jung, angehender Theologe, liest viel, fährt gerne Ski und er mag guten Kaffee. Da liegt es auf der Hand, dass er für ein Interview in seiner temporären Heimatstadt dorthin einlädt, wo es den auch sicher gibt: ins TM Café in Fribourg, wo Kaffee aus exotischen Anbaugebieten selbst geröstet und nach allen Regeln der Kunst zubereitet und serviert wird. Auf den Kaffee gekommen ist Raphaël während seinem Theologiestudium am Hillsong College in Sydney. Dort verbrachte er die letzten drei Jahre zusammen mit seiner Frau Maude, mit der er seit 2017 verheiratet ist. «Maude wollte schon lange bei Hillsong Worship Music studieren und als ich die Idee hatte, Theologie zu studieren, lag ein Studium in Sydney auf der Hand», berichtet er. Seit Anfang 2023 sind die beiden zurück in der Schweiz und seit Februar arbeitet Raphaël als Jugendpastor bei der Mennonitischen Jugendkommission der Schweiz (MJKS). Nebenbei macht er zusammen mit Maude einen Master in Theologie an der Universität Fribourg.
Raphaël wuchs mit seinen drei Brüdern auf einem Bauernhof auf dem Mont Dedos, an der Grenze zwischen den Kantonen Bern und Jura auf, etwa fünfzehn Autominuten von Moutier entfernt. Seine Eltern Barbara und Daniel leben noch heute auf dem Betrieb, den unterdessen einer seiner Brüder übernommen hat. Während seiner Kindheit war Raphaël mit seiner Familie Teil der Evangelischen Mennonitengemeinde Kleintal. Jeden Sonntag besuchten sie gemeinsam den Gottesdienst entweder in Moron oder in Perceux. Das sei etwas Selbstverständliches gewesen, hält Raphaël fest. «Für meine Eltern gehörte es auch dazu, sich in die Gemeinde zu investieren.» Eine Haltung, die ihn ebenso geprägt hat, wie die Zweisprachigkeit der Gemeinde. «Das brachte eine Vielfalt, die in mir den Grund legte für eine gewisse Offenheit, was Kirche und Glaube angeht.»
Nicht Tierpfleger sondern Schreiner
Raphaël ging gerne in die Sonntagschule, in die Unterweisung, in Kinderlager. Auch der christliche Kinderchor Chrysalide war für ihn wichtig. Dort verbrachte er jeden Freitagabend und lernte übrigens Maude kennen. Und als er nach Moutier in die Sekundarschule ging, half er eine Gruppe von New Generation zu gründen. New Generation ist eine Bewegung von Schüler:innen, die mit verschiedenen Aktionen im Schulhaus die Liebe Gottes teilen. Die Kirche und der Glaube spielten in Raphaëls Kindheit und Jugend also eine zentrale Rolle. Wollte er schon damals Pastor werden? «Nein. Als Kind wollte ich erst Tierpfleger werden», erzählt Raphaël. «Während einem Familienurlaub in Spanien beeindruckte mich im dortigen Zoo ein Tierpfleger, der uns die Delfine aus nächster Nähe zeigte.» Von da an sei es sein Traum gewesen, selbst in einem Zoo Delfine zu betreuen. «Heute ist das für mich natürlich Tierquälerei. Ich würde das Aquarium eher abreissen, als dort zu arbeiten», betont er lachend. Irgendwann liess sein Interesse an Delfinen nach und weil er schon immer gerne mit Holz gebastelt hatte, wurde Raphaël schliesslich Schreiner. Aber: «Ich habe die Lehre abgeschlossen und nach zwei Wochen auf dem Beruf war mir klar: Das mache ich nicht für immer.» Das sei etwas sonderbar gewesen, fast schon eine existenzielle Krise, weil er den Beruf schon lange ins Auge gefasst hatte. Er begann sich daher umzusehen und sich für ein Studium als Bauingenieur zu interessieren.

Noch als Schreiner reiste er 2016 noch nach Südafrika. Dort arbeitete er im Rahmen seines Zivildienstes bei Timion mit, einem Projekt, das Kindern mit Behinderungen Therapie anbietet und für sie Hilfsmittel baut. Sein Aufenthalt wurde allerdings abrupt unterbrochen: Bei einem Autounfall schrammte er knapp am Tod vorbei und verlor eine gute Freundin, die den Unfall nicht überlebte. Ein schwerer Schicksalsschlag, der in ihm grosse Fragen und Zweifel auslöste: Wieso lässt Gott so etwas zu? Sein Glaube hielt der Herausforderung aber stand und wurde umso stärker und wichtiger. Und es entstand der Wunsch, irgendwann einmal Theologie zu studieren. Sobald er wieder arbeitsfähig war, reiste er aber vorerst zurück nach Südafrika, um seinen Zivildiensteinsatz zu beenden. Das war ihm wichtig.
Christlicher Glaube als vielseitiger Diamant
Nach dem Einsatz entschied er sich dann zusammen mit Maude für das Studium am Hillsong College. Wie hat ihn die Zeit in Sydney geprägt – abgesehen davon, dass er dort das theologische Handwerk erlernte? «Mir wurde klar, wie wichtig es ist, sich gegenseitig wertzuschätzen, zu stärken und zu unterstützen.» Das sei etwas, das in Australien zur Kultur gehöre, aber auch bei Hillsong so gelebt werde. Ebenso, dass man Kritik immer direkt anbringe und nicht hinter dem Rücken über andere rede. Und auch Offenheit war immer wieder ein Thema: Zum Curriculum gehörte ein vertiefter Einblick in verschiedene christliche Konfessionen. «Diese kennen zu lernen und ihren Wert schätzen zu lernen, hat mir gut gefallen», sagt Raphaël. «Ich habe verstanden, dass der christliche Glauben wie ein Diamant und jede Konfessionen eine Seite davon ist.» Dabei lernte er auch den Wert der täuferischen Theologie mit ihrem Akzent auf Frieden und Gerechtigkeit neu schätzen.
Dies wiederum ist einer der Gründe, warum er nun in der Schweiz weiterstudiert. «Ich möchte so dazu beitragen, dass die täuferische Stimme im Dialog mit den anderen Konfessionen hörbar ist», sagt Raphaël. Damit einem auch alle zuhören würden, sei es gut, die akademische Leiter etwas hochzusteigen. Und warum hat er sich gerade für eine katholische Universität entschieden? «Erstens finde ich es spannend, dass im Katholizismus Spiritualität und Gebet so zentral sind. Das ist etwas, das bei uns Mennoniten ein wenig anders ist», hält Raphaël fest. Zweitens hätten zwei Freunde von ihm in Fribourg studiert und das Studium gut gefunden. Besonders auch, dass nicht nur theoretisch über Theologie geredet, sondern der Glaube gemeinsam gelebt werde. Das habe ihn letztlich überzeugt. «Natürlich kommt es vor, dass ich nach dem Unterricht nach Hause komme und finde: Hey, da war ich jetzt nicht einverstanden mit dem Gehörten», sagt Raphaël. Das sei aber in Ordnung und nur ein weiterer Weg, seine eigene Offenheit zu fördern.
Neben seinem Studium in Fribourg arbeitet Raphaël seit Februar eben auch als Jugendpastor bei der MJKS. Wie kam es dazu? «Als wir nach Sydney reisten, hatte ich immer noch die Idee im Kopf, nach dem Aufenthalt dort, Bauingenieur zu studieren», berichtet Raphaël. Ursprünglich wollten Maude und er am Hillsong College auch nur ein Kurzprogramm absolvieren. Und vor der Abreise sei er sogar noch am Tag der offenen Tür Berner Fachhochschule gewesen. Doch dann packte sie das Studium, aus dem Kurzprogramm wurde ein Bachelorstudium und aus zwölf Monaten Aufenthalt drei Jahre. Noch in Sydney, erhielt Raphaël dann die Anfrage, ob er sich bei der MJKS als Animateur de jeunesse – Jugendanimator – engagieren möchte. «Damals dachten Maude und ich aber, dass wir uns eher im Ausland für Gottes Reich einsetzen wollten», sagt Raphaël. Er sagte ab. Doch dann merkten sie immer mehr, dass es sie doch zurück in die Schweiz zog – auch zur Mennonitengemeinde Tavannes, wo sie vor ihrer Abreise nach Sydney Mitglied waren. Seine Eltern übrigens auch.
Jugendpastor statt Animator
Gleichzeitig wuchs bei Raphaël aus dem Studium heraus der Wunsch, sich auch beruflich weiterhin mit Theologie zu beschäftigen. Konkret dachte er daran, sich für die jungen Menschen in und um die französischsprachigen Mennonitengemeinden in der Schweiz zu engagieren. Sein Wunsch war, sie zu unterstützen, mehr Kraft und Hoffnung aus ihrem Glauben zu schöpfen. Darum ging er wieder auf die MJKS zu. Er fragte an, ob die Stelle als Animateur de Jeunesse noch zu haben sei, mit der Idee, dieser einen etwas pastoraleren Touch zu geben, sollte er sie erhalten. Er rannte offene Türen ein: Die Stelle war noch unbesetzt und in der Zwischenzeit hatte die MJKS beschlossen, nicht mehr einen Animateur einzustellen, der schwerpunktmässig Anlässe organisiert für die jungen Menschen in der Konferenz. Denn immer mehr Gemeinden haben ihre eigenen Angestellten, die sich genau darum kümmern. Neu suchten sie stattdessen einen Jugendpastor: eine Person, die mehr inhaltlich arbeitet, und vor allem jene Menschen miteinander in Beziehung bringt und unterstützt, die sich in den Gemeinden für Kinder und Jugendliche engagieren. Ihnen soll der Jugendpastor mit Material und Ideen zur Seite stehen, aber auch seelsorgerlich. «Es sollte also neu vor allem darum gehen, die Arbeit zu stärken, die schon gemacht wird», erklärt Raphaël. Diese Idee gefiel ihm und es freute ihn, dass die Verantwortlichen der MKJS und er sie unabhängig voneinander hatten.
Raphaël ist nun seit einem guten halben Jahr bei der Jugendorganisation der Schweizer Mennoniten angestellt und die Arbeit gefällt ihm gut. Sein Pensum beträgt 50 Prozent, wovon 10 Prozent für das gemeinsame Unterweisungsprogramm mehrer Mennonitengemeinden im Jura reserviert sind. Er schätzt die vielen Begegnungen, die seine neue Aufgabe mit sich bringt, und die Möglichkeit, die jungen französischsprachigen Mennoniten aus der Schweiz zusammenzubringen. «Ich wurde mit offenen Armen empfangen und finde, dass die Jugendverantwortlichen aus den verschiedenen Gemeinden schon etwas mehr zur Community geworden sind.» Auch die Arbeit im Move, dem Vorstand der MJKS gefällt ihm gut. «Wir sind ein Team mit unterschiedlichen Talenten und ergänzen uns super.»
In den Spuren des Urgrossvaters
Welche Herausforderungen erwarten ihn in seiner neuen Rolle? «Im nächsten Jahr wird es wichtig sein, den Gemeinden den Wert der MJKS aufzuzeigen.» Die Organisation brauche deren Unterstützung, finanziell und personell. Dabei gehe es nicht darum, die Jugendlichen abzuwerben, sondern sie für die Gemeinden zu befähigen. Diese sollen also von der Arbeit der MJKS profitieren. «In die Jugend investieren lohnt sich», ist Raphaël überzeugt. Denn schliesslich seien es die jungen Menschen von heute, die die Gemeinden in Zukunft tragen und voranbringen würden. Ein besonderes Augenmerk werde in der kommenden Zeit auf der Zielgruppe der jungen Menschen ab 18 Jahren liegen. Denn für diese gebe es nur wenig Angebote. Die MJKS könne hier einspringen und den Gemeinden helfen, diese Menschen zu halten.
Für ihn ist die Arbeit der MJKS deshalb auch ein Beitrag dazu, die Mennoniten als Kirchenbewegung zu erhalten. «Ich finde es wichtig, dass es die Mennoniten gibt, mit ihrer eigenen Theologie und ihren inhaltlichen Schwerpunkten», hält er fest. «Die Täufer:innen und ihre Friedenstheologie braucht es für den Weltfrieden.» Sein Urgrossvater sei mit seinem Pferd quer durch den Berner Jura geritten, von Täuferhof zu Täuferhof, und habe überall gepredigt. «So hat er dafür gesorgt, dass die Täufergemeinschaft im Glauben weiterkam und miteinander verbunden blieb», sagt Raphaël. Genau dafür wolle auch er sorgen. «Natürlich eher mit dem Auto als mit dem Pferd», fügt er augenzwinkernd hinzu. Wichtig ist ihm aber, als Gemeinschaft offen zu bleiben und die Begegnung mit anderen Kirchen zu suchen und in einen fruchtbaren Austausch zu treten und voneinander zu lernen. Die Begegnungen unter den Mennonit:inen in der Schweiz, die auch die MJKS ermögliche, seien dafür ein gutes Übungsfeld. Sie fördere die nötige Offenheit: «Denn schon dort treffen wir Menschen und Gemeinden, die theologisch anders ticken und ihre Frömmigkeit zumindest in Nuancen anders leben.» Raphaël findet das wertvoll.
Text:
Simon Rindlisbacher